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Lebt eigentlich der Teufel noch?

Nein, der Teufel ist in den Himmel gefahren! Am 6. Juli 2010 verstarb nach langer Krankheit der Spaß-Revoluzzer und Haschbruder Fritz Teufel. Zurückbleibt die Erinnerung an einen mutigen Mann, der sich selbst als „Ausgeburt der Hölle“ verstand und vor über vierzig Jahren von der Boulevardpresse zu Deutschlands erstem Super-Bürgerschreck gekürt wurde.
Publiziert am: 01.09.10 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Sadhu van Hemp
Zeichnung: marker

Das Wichtigste zuerst: Fritz war ein Haschischraucher, was sich wie ein roter Faden durch sein bewegtes Leben zieht. Für Teufel war das Teufelskraut aber nicht nur die Hefe des Denkens, sondern auch das Zündplätzchen des Handelns. Statt breit abzuhängen oder sich dem Fressflash hinzugeben, packte ihn nämlich die Lust auf Klassenkampf und Revolution.
Aber der Reihe nach: 1943 erblickt der Teufel-Fritz in Ludwigsburg das Licht der Welt. Er genießt eine gutbürgerliche Erziehung, macht Abitur und emigriert 1963 nach Westberlin, um „humoristischer Schriftsteller“ zu werden. Noch trägt der Teufel Schlips und Kragen, wenn er zum Studieren nach Dahlem fährt. Doch die Zeichen stehen bereits auf Sturm, denn das blutgetränkte Fundament, auf dem sich die junge Bundesrepublik Deutschland aufbaut, ist brüchig. 1966 verwaltet eine Große Koalition die Unterlassungen der letzten Jahrzehnte, geführt von Kanzler Kiesinger, dessen Nazi-Biographie kein Hindernis für die Politkarriere ist. Eine innerparlamentarische Opposition existiert faktisch nicht. Die bundesdeutsche Wirtschaft befindet sich in einer Rezession, das Wembley-Tor fällt und die Wunder bleiben plötzlich aus. Dafür sitzen Alt-Nazis und Stalinisten an den Schaltstellen der verfeindeten deutschen Staaten und kämpfen im Kalten Krieg an vorderster Front, die mitten durch die Heimat läuft. Zudem ist die BRD treuergebener Bündnispartner der Vereinsamten Staaten, die das vietnamesische Volk mit Napalm massakrieren. Die Bundespolitiker schweigen, verschanzen sich hinter der Kadavertreue der deutsch-amerikanischen Freundschaft und orten den Feind hinter dem Eisernen Vorhang – also im eigenen Land.

Anfang 1967 lief das Fass über. Schon länger schwappten die Wellen der amerikanischen Protest- und Hippiebewegung nach Europa herüber. Erst war es eine leichte transatlantische Briese, die sich aber schnell zu einem Tsunami auswuchs. Tabus wurden gebrochen, die heile Welt der BRD mit Kot beschmiert und das Trauma des verdrängten Nationalsozialismus an die Oberfläche gezerrt. Das Obrigkeitsdenken verschwand aus den Köpfen der Jugend, und manch Alt-Nazi bekam von seinem Filius den längst fälligen Fausthieb ins Mettwurstgesicht. Der hohe Wert- und Moralanspruch der damaligen Erziehung ging angesichts der nicht mehr zu leugnenden Schuld am ersten industriell organisierten Massenmord der Weltgeschichte vollends verloren. Insbesondere in den bürgerlichen Familien herrschte Rebellion im Kinderzimmer. Teppichklopfer und Rohrstöcke zerbrachen am Widerstand der verlausten Brut, die lange Haare trägt, Zappa hört und kifft. Die ersten Kommunen entstanden, Haschisch und LSD bereicherten die „Revolutionierung des Alltags“, und Amerika stand der Alten Welt so nahe wie nie. Die Jugend gewann an Selbstbewusstsein und eigener kultureller Identität, die mit traditionellen deutschen Werten nichts mehr gemein hatte.

Dieses neue Lebensgefühl erfasste natürlich auch Fritz Teufel, der im Frühjahr 1967 in die berühmt-berüchtigte Kommune I (K1) eincheckte.
„Es war eine tolle Zeit. Wir waren jung und unbekümmert. Damals herrschte eine solche Vertraulichkeit und Fröhlichkeit, es war eine unglaubliche Aufbruchsstimmung und dazu diese hippiemäßige Zärtlichkeit. Wir waren richtig selig, und man konnte sich jeden Tag neu verlieben. Ich habe davon reichlich Gebrauch gemacht.“
Das Rote Jahrzehnt begann dann auch mit einem Attentatsplan – und zwar auf keinen geringeren als den US-Vize-Präsidenten Hubert Humphrey, der die erprobten Kriegskünstler des Nachfolgestaats des Dritten Reiches für die Endlösung des vietnamesischen Volkes engagieren wollte. Doch was niemand der Kommunarden ahnte, auch der selbsternannte Rechtsstaat BRD hielt sich inoffizielle Mitarbeiter, die für eine Handvoll Blutgeld alles und jeden ans Messer lieferten. Am 5. April 1967 war es dann soweit: Beamte der Abteilung „Politische Polizei“ nahmen die „Elf kleinen Oswalds“ (Zeit) fest, mussten diese jedoch am folgenden Tag wieder freilassen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass es sich bei den Chemikalien zur Bombenherstellung um Mehl, Joghurt und Rote Grütze handelte. Als die verhinderten Puddingattentäter nach der Entlassung eine Presskonferenz inszenierten, war der Mythos um die „Horror-Kommunarden“ (BILD) geboren und aus dem Kifferspaß wurde Ernst, der am 2. Juni 1967 anlässlich des Staatsbesuches des Schah von Perversien in der standrechtlichen Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Zivilpolizisten und Stasispitzel Karl-Heinz Kurras gipfelte. Fritz Teufel wurde an jenem Abend wegen Landesfriedensbruch festgenommen, weil er einen Stein geworfen haben soll.

Vier Tage später ließen ihn die Richter zunächst im sog. „Brandstifterprozess“ aus der U-Haft vorführen. Gegenstand der Verhandlung war ein Flugblatt der K1, das auf einen verheerenden Kaufhausbrand in Brüssel anspielte: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabei zu sein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“

Richter und Schöffen taten sich schwer in der Bewertung des verklausulierten Aufrufs zur Gewalt, denn die Frage, was Satire darf und was nicht, war damals noch nicht geklärt. Der Wortgewandtheit der Anwälte und angeklagten Studenten hatte das Gericht nichts entgegenzusetzen, auch, um nicht den Anschein zu erwecken, der Volksgerichtshof sei wieder aktiv. Also ließ man Gnade vor Recht walten, sprach die Angeklagten frei und beförderte Fritz Teufel zurück in die Zelle. Im November startete dann der Prozess wegen des angeblichen Steinwurfs. Staatsanwalt und Richter wollten diesmal ein Exempel statuieren. Wochenlang ließ man Zeugen auflaufen, die Stein und Bein schworen, dass sich die geworfenen Mehltüten auf dem Weg ins Ziel in Pflastersteine verwandelten. Während des Verhandlungsmarathons zeigte sich Teufel von seiner besten Seite – stoned grinsend, kalauernd und respektlos. Als ihn der Richter aufforderte, gefälligst aufzustehen, sonderte er jenen legendären Satz ab, der als geflügeltes Wort in die Geschichte einging: „Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient.“ Nachdem Fritz Teufel in Hungerstreik getreten war, tobten vor dem Gericht Straßenschlachten nie dagewesenen Ausmaßes, um Moabit den Teufel auszutreiben. Am 22. Dezember 1967 kam es dann zum Freispruch und der einzig wahre Superstar der Spaßgerilja war höchstrichterlich gekürt.

Die Studentenrevolte ging nun in die heiße Phase. Springer titelte täglich gegen die rauschgiftsüchtigen Lausepenner, die ostgesteuert sind und aus der BRD einen Trabanten der UdSSR machen wollen. Am Gründonnerstag 1968 fallen dann drei Schüsse auf den Studentenführer Rudi Dutschke, abgegeben von einem eifrigen Bildzeitungsleser aus München, der sich auserwählt sah, im Namen aller Deutschen zu handeln. Die Folge waren blutige Unruhen zum Osterfest. In Kreuzberg wurden die Zeitungswagen des Schmutzblattimperiums angezündet, ein Werk, dass der Innensenator zu verantworten hatte. Ein Lockspitzel hatte von der Polizei vorgefertigte Molotowcocktails verteilt, mit denen die Fahrzeuge abgefackelt wurden. Die brennenden Zeitungswagen wurden dann zum Fanal für die deutsche, aber auch französische Studentenrevolte. Nunmehr war die bislang friedlich agierende außerparlamentarische Opposition (APO) radikalisiert.
Doch die Allianz zwischen dem dogmatischen Sozialistischen Studentenbund (SDS) und den hedonistisch orientierten Hippies zerbrach im Kampf gegen den Staatsterror. Auch Fritz Teufel ging nun seinen eigenen Weg, der ihn zielsicher in den Untergrund führte. Vom Haschrebellen wandelt er sich zum Stadtguerillero, und wieder einmal mehr sind es Polizeispitzel, die ihn aufs Glatteis führen. Wegen angeblichen Brandsatzbaus wird er in München zu zwei Jahren Haft verknackt. 1975 wird er abermals festgenommen, diesmal mit Pistole im Hosenbund. Als mutmaßliches Mitglied der „Bewegung 2. Juni“ wird ihm die spektakuläre Entführung des Berliner CDU-Bonzen Peter Lorenz vorgehalten. Fünf lange Jahre sitzt Teufel in U-Haft, bis ihm 1980 der Prozess gemacht wird. Diese Verhandlung wird sein Meisterstück in Sachen Realsatire. Nachdem die Staatsanwaltschaft 15 Jahre Haft gefordert hat, bekommt der Angeklagte das letzte Wort – und was für eines!
„Wie Sie sehen, habe ich mich nach den Blödoyers der Bundesanwälte rasiert und mir die Haare schneiden lassen, um der Welt die Fratze des Terrors zu zeigen, die ich bisher hinter Bart und Matte versteckte.“
Dann präsentiert er filmreif ein hieb- und stichfestes Alibi. Er weist einen Ausflug zur werktätigen Bevölkerung vor, bei dem er in einer Essener Fabrik unter falschem Namen Klodeckel hergestellt hätte. 1638 Tage hatte die Bundesanwaltschaft über der Anklageschrift gebrütet – dann diese Blamage! Später sagte Teufel dazu, dass er mit dem zurückgehaltenen Alibi zeigen wollte, „wie ein Angeklagter für definitiv nicht begangene Taten vorverurteilt wird und wie das ganze System funktioniert“. Zudem war ihm klar, dass er so oder so mindestens fünf Jahre im Bau gesessen hätte, denn schließlich standen noch der illegale Waffenbesitz und die Unterstützung der „Bewegung 2. Juni“ zu Buche. Nachdem er umgehend aus der Haft entlassen wurde, rächte sich die deutsche Justiz noch mit einer Anklage wegen in Berlin begangener Banküberfälle, bei denen teufeltypisch Schokoküsse verteilt wurden. Auch hier präsentierte er ein Alibi und verließ als freier Mann den Gerichtssaal.


Doch wer glaubt, das wäre sein letzter Streich gewesen, der irrt. Am 19. Februar 1982 war der leibhaftige Teufel zu Gast in der Talkshow „3 nach 9“, wo er sich zunächst damit begnügte, die Selbstbeweihräucherung der eingeladenen Prominenz mit Haschischqualm zu vernebeln. Als er an die Reihe kam, war der Moment gekommen, um seinem Ruf als Belzebub gerecht zu werden. Zum Entsetzen aller legte der Ex-Terrorist die Haschpfeife aus der Hand, um einen Revolver aus der Sakkotasche zu ziehen. Die Terror-Bilder der Schleyer-Entführung vor Augen sahen Millionen Fernsehschauer, wie der Teufel-Fritz die Bleispritze auf den damaligen Bundesminister Matthöfer richtet und mehrmals abdrückt. Doch statt Blei tröpfelte Zaubertinte aus dem Lauf und bekleckerte den leichenblassen SPD-Bonzen. Die Flecken auf dem Oberhemd verschwanden, ein leichter Angstschissgeruch hielt sich jedoch hartnäckig in der Studioluft.

Die letzten Jahre wurde es still um den politischen Till Eulenspiegel, und bis zu seiner Erkrankung arbeitete er u.a. als Bäcker in London und Fahrradkurier in Berlin. Fritz Teufel ist seinen Weg konsequent zu Ende gegangen, während viele der anderen Weggefährten wie Rainer Langhans und Konsorten heute als brave Wohlstandsbürger Fettlebe machen und die goldenen Hippiezeiten medial versilbern. Zuletzt sah man den Teufel im roten Wedding herumgeistern, wo er ein friedvolles und unaufgeregtes Leben mit seiner Jugendliebe führte und seinem schweren Schicksal auf die ihm angeborene humoristische Weise die Stirn bot. Er nahm es halt, so wie es kam, ohne sich unnötig zu echauffieren und andere mit seinem langen, sehr langen Sterben zu belästigen. Fritzes scheues und liebes Wesen verbot es einfach, sich selbst zu überhöhen – zum Nachteil seiner Biographen, die es schwer haben werden, das wahre Geheimnis dieses außergewöhnlichen Mannes zu lüften. Doch sein Vermächtnis soll uns stets daran erinnern und mahnen, dass die Erfüllung des Wunsches nach Einigkeit, Recht und Freiheit notfalls auch seine Märtyrer fordert, die uns, den Schwachen, den Weg weisen. Nun denn, Deutschland ist zwar den letzten Teufel losgeworden, doch das soll keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass die Bösen geblieben sind.

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